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Ein Vater sitzt mit seiner Tochter am Tisch und trägt eine Brille aufgrund von Amblyopie
Sehschwächen

Schwachsichtigkeit (Amblyopie): Wenn ein Auge nicht richtig sehen lernt

Schwachsichtigkeit, medizinisch Amblyopie, ist eine Sehschwäche, die meist in der frühen Kindheit entsteht. Wird sie früh erkannt und behandelt, lässt sich das Sehvermögen häufig deutlich verbessern.

Schwachsichtigkeit (Amblyopie): Ein Auge sieht deutlich schlechter als das andere | Bildquelle: © nortonrsx / istockphoto.com
Experte Priv.-Doz. Dr. Wolfgang Wesemann
Priv.-Doz. Dr. Wolfgang Wesemann

Dieser Artikel wurde fachlich geprüft von:

Priv.-Doz. Dr. Wolfgang Wesemann (Web-Profil)

Augenoptiker, habilitierter Medizin-Physiker, wissenschaftlicher Berater des Kuratorium Gutes Sehen e.V.

Dr. Wolfgang Wesemann studierte Physik, Mathematik, Chemie und Astronomie an den Universitäten Hamburg und München, promovierte 1983 und habilitierte sich 1994 im Fach Medizinische und Ophthalmische Optik. Von 1989 bis 2016 leitete er die Höhere Fachschule für Augenoptik Köln. Seit 2001 begleitet er das KGS als wissenschaftlicher Berater und unterstützt die fachliche Prüfung und verständliche Aufbereitung von Inhalten.

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Letzte Änderung 12. Juni 2026 Lesezeit Statistik

Viele Kinder bemerken eine Schwachsichtigkeit nicht selbst. Sie kennen ihr Sehen nicht anders und gleichen das schwächere Auge oft unbewusst mit dem besseren Auge aus. Deshalb sind regelmäßige Sehkontrollen im Kindesalter wichtig.

Was ist Schwachsichtigkeit (Amblyopie)?

Schwachsichtigkeit bedeutet, dass ein Auge, seltener beide Augen, nicht die Sehschärfe entwickelt hat, die eigentlich möglich wäre. Die Ursache liegt meist in der gestörten Zusammenarbeit von Auge und Gehirn: Wenn ein Auge dauerhaft unscharfe oder gestörte Bilder liefert, nutzt das Gehirn bevorzugt das besser sehende Auge und vernachlässigt das schwächere. Dadurch wird dieses Auge immer weniger genutzt. Eine Brille oder Kontaktlinsen allein können die Sehschärfe dann nicht vollständig ausgleichen. Bleibt die Störung unentdeckt, kann die Sehschärfe auf dem wenig genutzten Auge sehr schlecht werden.

Ca. 5,6 %
Laut der Gutenberg Health Study sind in Deutschland rund 5,6 Prozent der Bevölkerung von Amblyopie betroffen.

Welche Ursachen hat Schwachsichtigkeit?

Gutes Sehen muss im Kindesalter erst erlernt werden. Ein Neugeborenes sieht anfangs noch unscharf. Durch den Sehvorgang vernetzen sich die Nervenzellen im Auge mit dem Gehirn. Eine Amblyopie entsteht, wenn das Gehirn in der frühen Sehentwicklung permanent schlechtere oder störende Seheindrücke von einem Auge erhält. Häufige Auslöser sind:

Unterschiedliche Sehstärken (Anisometropie)

Ist ein Auge deutlich stärker fehlsichtig als das andere, entstehen auf beiden Augen unterschiedlich scharfe Bilder – Diese Sehschwäche nennt sich Anisometropie. Das Gehirn bevorzugt dann das klarere Bild und vernachlässigt das schwächer sehende Auge.

Schielen (Strabismus)

Beim Schielen blicken beide Augen nicht in dieselbe Richtung. Damit keine störenden Seheindrücke entstehen, unterdrückt das Gehirn im Kindesalter häufig das Bild des schielenden Auges, um störende Doppelbilder zu vermeiden. Wird dieses Auge längere Zeit zu wenig genutzt, kann sich eine Amblyopie entwickeln.

Optische Behinderung (Deprivationsamblyopie)

Angeborene oder frühkindliche Erkrankungen wie zum Beispiel Grauer Star oder ein stark hängendes Augenlid können verhindern, dass genügend Licht ins Auge gelangt. Dann entsteht kein kontrastreiches, scharfes Bild auf der Netzhaut. Diese Form ist seltener, muss aber möglichst schnell erkannt und behandelt werden.

Ursachen der Schwachsichtigkeit | Bildquelle: © teap / istockphoto.com Anzeichen für Amblyopie bei Kindern: Augen blicken beim Kind nicht in dieselbe Richtung

Welche Symptome zeigen sich?

Schwachsichtigkeit ist für Außenstehende oft schwer zu erkennen. Es kann aber Hinweise geben:

  • Ein Auge wird häufig zugekniffen
  • Bücher, Spielzeug oder Bildschirme werden sehr nah ans Gesicht gehalten
  • Auffälliges Schielen oder häufiges Kopfneigen
  • Unsicherheit beim Treppensteigen
  • Probleme beim Greifen, Stolpern oder eine unsichere Hand-Auge-Koordination
  • Schwierigkeiten beim Lesen oder bei Naharbeiten im Vorschul- oder Schulalter

Solche Anzeichen beweisen keine Amblyopie, sollten aber augenärztlich abgeklärt werden.

Schwachsichtigkeit bei Kindern: Warum Früherkennung zählt

In den ersten Lebensjahren entwickelt sich das Zusammenspiel von Auge und Gehirn besonders stark. Diese Zeit wird auch „plastische Phase“ der Sehentwicklung genannt. Wird eine Amblyopie in dieser Phase entdeckt, sind die Behandlungschancen am besten. Danach nimmt die Anpassungsfähigkeit des Sehsystems schrittweise ab.

Deshalb sollten Auffälligkeiten wie Schielen, häufiges Zukneifen eines Auges, sehr nahes Betrachten oder unsicheres Greifen früh abgeklärt werden. Auch ohne sichtbare Beschwerden sind die vorgesehenen Früherkennungsuntersuchungen wichtig.

Amblyopie-Screening: Wann und wie?

Zur Früherkennung einer Schwachsichtigkeit ist die Prüfung der Sehschärfe und die Beurteilung des räumlichen Sehens besonders wichtig. Entsprechende Sehtests für Kinder finden bei drei Vorsorgeuntersuchungen statt und zwar bei der U7a (34. bis 36. Lebensmonat), der U8 (46. bis 48. Lebensmonat) und der U9 (60.-64. Lebensmonat).

Wichtig: Die Vorsorgeuntersuchungen ersetzen keine augenärztliche Untersuchung. Bei Verdacht auf Schielen, einseitig schlechtes Sehen oder andere Sehstörungen sollte eine Überweisung zur Augenärztin oder zum Augenarzt erfolgen. Auch bei einer familiären Vorbelastung (z. B. Schielen oder Amblyopie in der Familie) sollte eine augenärztliche Untersuchung erfolgen.

Amblyopie-Früherkennung bei Kindern | Bildquelle: © Inside Creative House / istockphoto.com Ein Sehtest wird mit einer Propierbrille bei einem Kind durchgeführt, Grund hierfür sind Anzeichen von Sehproblemen durch Amblyopie

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Die Behandlung richtet sich nach Ursache, Alter und Ausprägung der Schwachsichtigkeit.

Schritt 1: Fehlsichtigkeit oder Ursache behandeln

Zunächst wird geprüft, ob eine Brille notwendig ist. Eine passende Korrektion sorgt dafür, dass das schwächere Auge ein möglichst klares Bild liefern kann. Liegt ein Schielen oder eine andere Ursache vor, wird auch diese behandelt.

Schritt 2: Okklusionstherapie

Bei der „Augenpflastertherapie“ wird das besser sehende Auge zeitweise abgeklebt. So wird das schwächere Auge im Alltag stärker genutzt. Wie lange und wie oft das Pflaster getragen wird, legt die Augenärztin oder der Augenarzt fest.

Schritt 3: Regelmäßige Kontrolle

Die Behandlung wird regelmäßig kontrolliert und angepasst. Sie kann mehrere Monate dauern, manchmal auch länger.

Kann man Schwachsichtigkeit operieren?

Eine Amblyopie kann nicht operiert werden, weil sie durch eine mangelhafte Verarbeitung der Seheindrücke im Gehirn entsteht.

Eine Operation kann aber sinnvoll sein, wenn sie eine Ursache oder Begleiterkrankung behandelt.

  • Schieloperation: Sie kann die Augenstellung verbessern und die Amblyopie-Behandlung unterstützen.
  • Grauer Star OP: Ein angeborener grauer Star kann operativ entfernt werden, damit wieder Licht ins Auge gelangt.
  • Laserbehandlung: Eine Laserkorrektur kann bei Erwachsenen nur die Fehlsichtigkeit verändern. Die Amblyopie selbst wird dadurch nicht geheilt.

Schwachsichtigkeit bei Erwachsenen

Eine Schwachsichtigkeit im Erwachsenenalter ist meist eine Amblyopie, die in der Kindheit nicht oder nicht ausreichend behandelt wurde. Viele Betroffene wissen lange nicht, dass sie mit einem Auge schlechter sehen, weil sie gelernt haben, mit dem besser sehenden (dominanten) Auge zurechtzukommen.

Typische Hinweise sind eine dauerhaft schlechtere Sehschärfe auf einem Auge trotz Brille, Probleme mit räumlichem Sehen oder Schwierigkeiten beim Einschätzen von Abständen. Eine augenärztliche Untersuchung kann klären, wie stark die Amblyopie ausgeprägt ist und ob eine Behandlung sinnvoll ist.

Was tun bei Schwachsichtigkeit im Erwachsenenalter?

Erwachsene mit Verdacht auf Amblyopie sollten sich an eine Augenarztpraxis wenden. Hilfreich kann eine Praxis oder Klinik mit Sehschule, Orthoptik oder Schwerpunkt Strabologie sein. Einzelne Therapieansätze, etwa spezielles Sehtraining, Okklusion oder digitale Verfahren, werden untersucht und eingesetzt. Die Erfolgsaussichten sind individuell sehr unterschiedlich und meist geringer als im Kindesalter.

Schwachsichtigkeit und Führerschein

Menschen mit Schwachsichtigkeit dürfen Auto fahren, wenn sie die gesetzlichen Anforderungen an das Sehvermögen erfüllen. Für die Führerscheingruppe 1, zu der auch der Pkw-Führerschein gehört, muss der reguläre Sehtest eine Sehschärfe von 0,7 auf beiden Augen ergeben. Wird dieser Wert wegen einer Amblyopie auf dem schwächeren Auge nicht erreicht, ist eine augenärztliche Untersuchung erforderlich. Dabei muss in der Regel eine Sehschärfe von mindestens 0,5 auf dem besseren Auge nachgewiesen werden. Zusätzlich werden Gesichtsfeld und Augenbeweglichkeit geprüft.

Was zahlt die Krankenkasse?

Sehprüfungen im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen

Die gesetzlichen Früherkennungsuntersuchungen für Kinder werden von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen. Dazu gehören auch altersentsprechende Prüfungen des Sehvermögens.

Brille und Okklusionstherapie bei Kindern

Bei Kindern und Jugendlichen übernehmen die Krankenkassen notwendige Brillengläser in der Regel im Rahmen der geltenden Festbeträge oder Vertragspreise. Für Fassungen, besondere Ausstattungen oder Extras können zusätzliche Kosten entstehen. Okklusionspflaster können bei ärztlicher Verordnung als Hilfsmittel erstattungsfähig sein.

Kosten für Erwachsene

Bei Erwachsenen werden Brillen und Kontaktlinsen von der gesetzlichen Krankenversicherung meist nur unter bestimmten Voraussetzungen übernommen, etwa bei sehr starken Brillengläsern oder therapeutischen Sehhilfen. Eine Rückfrage bei der Krankenkasse ist sinnvoll.

Häufige Fragen

Was tun bei Schwachsichtigkeit?

Bei Verdacht auf Schwachsichtigkeit sollte eine Augenärztin oder ein Augenarzt aufgesucht werden. Dort werden die Augen untersucht und geprüft welche Behandlung sinnvoll ist.

Kann man Schwachsichtigkeit operieren?

Eine Amblyopie kann durch eine Operation nicht geheilt werden. Ursachen oder Begleiterkrankungen wie Schielen oder ein angeborener grauer Star können aber operativ behandelt werden.

Ist das Amblyopie-Screening eine Kassenleistung?

Sehprüfungen gehören zu den gesetzlichen Früherkennungsuntersuchungen für Kinder. Bei Auffälligkeiten oder familiärer Vorbelastung sollte zusätzlich eine augenärztliche Abklärung erfolgen.

Was ist Schwachsichtigkeit bei Kindern?

Schwachsichtigkeit entsteht bei Kindern meist in den ersten Lebensjahren, wenn das Zusammenspiel von Auge und Gehirn gestört ist. Das Gehirn nutzt dann bevorzugt das besser sehende Auge und vernachlässigt das schwächere Auge. Dadurch entwickelt dieses nicht die Sehschärfe, die eigentlich möglich wäre.

Wie hoch sind die Kosten für ein Amblyopie-Screening?

Die regulären Vorsorgeuntersuchungen werden von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen. Zusätzliche Untersuchungen können je nach Umfang und Situation kostenpflichtig sein.

Gibt es Schwachsichtigkeit auch bei Erwachsenen?

Ja. Meist handelt es sich um eine Amblyopie aus der Kindheit. Behandlungsansätze gibt es, die Erfolgsaussichten sind aber individuell unterschiedlich.

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