Kind und Sehen

Kinder im Straßenverkehr

Kinder im Straßenverkehr
Schulkinder auf dem Zebrastreifen | Foto: ZVA

Junge Verkehrsteilnehmer gefährdet

Alle 18 Minuten kam ein Kind unter 15 Jahren auf Deutschlands Straßen zu Schaden, pro 100.000 Gleichaltrige waren das 262 Kinder, wie das Statistische Bundesamt für 2016 ermittelte. Insgesamt ereigneten sich 28 547 Unglücke, von denen jedes einzelne ein prägender Schicksalsmoment für Kind und Eltern bedeutet. Das sind allerdings nur die Unfälle, die von der Polizei erfasst wurden. Tatsächlich kommen weitere nicht erfasste – wohl weniger folgenschwere – hinzu.

Als Autoinsasse verunglückte mehr als ein Drittel der Kinder, rund ein Drittel als Fahrradfahrer und fast ein Viertel als Fußgänger. In den helleren und wärmeren Monaten April bis September sind die meisten Unfälle unter sechs- bis 14-jährigen Radfahrern zu verzeichnen. In derselben Altersgruppe war die Zahl der verunglückten Fußgänger im September am höchsten, also mit dem Beginn des neuen Schuljahres.

Kinder, die zu Fuß oder per Rad unterwegs waren, kamen vor allem frühmorgens und nachmittags zu Schaden. Das sind die Stunden, in denen die Kids den Weg zur Schule und zurück absolvieren. Als häufigste Unglücksursache ermittelte die Polizei falsches Verhalten der Kinder auf der Straße: Sie nahmen den Verkehr nicht richtig wahr, traten plötzlich hinter Sichthindernissen hervor, benutzten mit dem Rad die falsche Fahrbahn oder ordneten sich falsch in den fließenden Verkehr ein.

Gesunde Kinderaugen und gutes Sehen für mehr Sicherheit

Kinder können allein aufgrund ihrer Körpergröße das Verkehrsgeschehen nicht wie Erwachsene überblicken. Zudem sind sie noch nicht in der Lage, Geschwindigkeiten und Entfernungen richtig einzuschätzen, reagieren daher oft zu spät oder gar nicht. Außerdem nehmen sie mit ihren Augen viel weniger in ihrem Umkreis wahr als Erwachsene. Kinder haben ihre eigene Sichtweise: Was sie nicht sehen, ist auch nicht da. 

Sehen und wahrnehmen lernen

Kinderaugen müssen erst richtig sehen lernen. Denn

  • das räumliche Sehen braucht neun Lebensjahre, um sich vollends zu entwickeln; 
  • ein neunjähriges Kind kann ohne Bewegung von Augen und Kopf nur zwei Drittel von dem überschauen, was ein Erwachsener wahrnimmt;
  • das Gesichtsfeld und die Sehschärfe wie als Erwachsener erreicht ein Kind erst im Alter von zehn bis zwölf Jahren.

Auch wenn das Sehen altersgerecht entwickelt ist, müssen Kinder trainieren, auf welche Dinge und Situationen sie ihr Augenmerk besonders zu lenken haben, und dann das Gesehene korrekt interpretieren. Gut sehen, in die richtigen Richtungen schauen und die Umgebung aufmerksam wahrnehmen sind das A und O für eine sichere Verkehrsteilnahme. So sollten die Kleinen parkende Autos, Mülltonnen am Straßenrand, Grundstückseinfahrten, Bäume, Büsche und Hecken als Gefahrenstellen erkennen. 

Risikofaktor mangelnde Sehleistung

Lebensgefährlich kann es für Kinder werden, wenn sie Hindernisse, Geschwindigkeiten und Entfernungen aufgrund von Sehschwächen nicht richtig einschätzen. Die bereits häufig bei Schulkindern festgestellte Kurzsichtigkeit (Myopie) ist ein klares Handicap für eine sichere Verkehrsteilnahme. Nahende Fahrzeuge oder Ampeln erscheinen unscharf, was zu schweren Unfällen führen kann. Kurzsichtige Kinder müssen deshalb eine Brille oder Kontaktlinsen tragen, wenn sie sich im Straßenverkehr bewegen.

Kinder, die an einer Schwachsichtigkeit (Amblyopie) leiden, haben Probleme mit dem räumlichen Sehen. Sie können daher Entfernungen und auch Geschwindigkeiten schlecht einschätzen. Schwachsichtigkeit kann durch Schielen, Hornhautverkrümmung, Weitsichtigkeit oder Kurzsichtigkeit entstehen und muss behandelt werden.

Im Dunkeln sehen Kinder wie auch Erwachsene von vornherein schlechter. Entfernungen und Geschwindigkeiten anderer Verkehrsteilnehmer lassen sich in der Dämmerung und nachts schwerer einschätzen. Wenn ein Kind dazu noch unter einem verminderten Dämmerungssehen und Nachtsehen leidet, steigt das Unfallrisiko erheblich. Durch die Scheinwerfer entgegenkommender Fahrzeuge kann es beispielsweise so geblendet sein, dass es für einen Moment nichts sieht. Jugendliche, die schon Mofa oder Roller fahren dürfen, sollten bei gestörtem Dämmerungssehen abends und nachts ihr Gefährt nicht selbst lenken.

Der Verkehrssicherheit ihrer Kinder zuliebe sollten Eltern die Augen ihrer Sprösslinge frühzeitig von einem Augenarzt auf Sehdefizite prüfen lassen. Nur er kann die Ursachen feststellen und entsprechend behandeln. Viele Sehfehler können problemlos mit Brille oder Kontaktlinsen korrigiert werden. Der Augenoptiker fertigt sie nach den ärztlichen Vorgaben an und berücksichtigt dabei die kindlichen Bedürfnisse.

Sichere Verkehrsteilnahme üben

Eltern und Erzieher sind gefordert: Bereits die Jüngsten müssen das Verhalten auf der Straße trainieren. Die Grundregeln sollten frühzeitig, möglichst schon im Kita-Alter, vermittelt werden. Um einmal auf Augenhöhe mit den Kleinen zu sein, begeben sich Erwachsene am besten in die Hocke. So können sie in etwa abschätzen, was die Kinder sehen und was nicht.

Das ist hilfreich, um beispielsweise mit dem Kind an der Hand vorzumachen, wie und wo die Straße sicher zu überqueren ist:

  • eine gut einsehbare Stelle suchen,
  • an der Bordsteinkante stehen bleiben,
  • nach links, nach rechts und noch mal nach links schauen,
  • zügig, aber ohne zu rennen, und auf geradem Weg auf die andere Straßenseite gehen, wenn alles frei ist,
  • nicht zwischen parkenden Autos und Sträuchern, hinter dicken Bäumen und Bauzäunen auf die Straße laufen, denn hier ist die Sicht auf die Fahrbahn eingeschränkt,
  • Zebrastreifen oder Ampelübergänge in der Nähe benutzen, dabei aber trotzdem heranfahrende Autos, Motorräder und Fahrräder im Blick behalten.

Naht der Tag der Einschulung, sollten Eltern ihre Kinder rechtzeitig auf den Schulweg vorbereiten:

  • einen sicheren Weg zur Schule finden,
  • mit dem Abc-Schützen schon vor dem ersten Unterrichtstag den Schulweg üben und unterwegs auf Stellen aufmerksam machen, an denen er besonders genau hinschauen muss,
  • das Kind mit geschickten Fragen prüfen, ob es alles gesehen und wahrgenommen hat – das ist auch wichtig für die Orientierung,
  • den Erstklässler nur so lange zur Schule begleiten, wie er es möchte – die Eltern sollten sich aber sicher sein, dass er den Schulweg problemlos bewältigen kann,
  • für den Schulweg lieber ein paar Minuten mehr einplanen, damit das Kind nicht unter Zeitdruck gerät und auch an kritischen Punkten der Strecke genau nachschauen kann.

Mit sieben Jahren können die Kleinen rechts und links gut voneinander unterscheiden, mit acht fangen sie an, Entfernungen richtig zu beurteilen. Aber selbst 14-Jährigen gelingt es nicht immer, Geschwindigkeiten nahender Fahrzeuge korrekt einzuschätzen. Außerdem reagieren sie noch langsamer als Erwachsene.

Doch Übung macht den Meister. Wer gut und ausreichend trainiert, wird fit. Diese Fitness für den Straßenverkehr holen sich die Kinder nicht per Elterntaxi, sondern zu Fuß. Auf diese Weise schulen sie ihr räumliches Sehen und die Wahrnehmung von Entfernungen. Eltern, die täglich mit dem Auto vor Kita oder Schule vorfahren, tragen nicht zum sicheren und verantwortungsbewussten Verhalten ihres Nachwuchses auf der Straße bei. Zudem bergen heraneilende, bremsende und startende Elterntaxis ein erhöhtes Sicherheitsrisiko für Klein und Groß. Bleibt nur die Fahrt im Auto, sollten Mutter oder Vater zumindest ein paar hundert Meter entfernt von Kita oder Schule anhalten und mit dem Kind den restlichen Weg zu Fuß gehen.

Verkehrsexperten, Kinderorganisationen, Lehrer, Erzieher oder Polizei haben das Problem erkannt. Mit Schulweg-Ratgebern oder Aktionen wie „Zu Fuß zur Schule oder zum Kindergarten“, „Stoppt das Elterntaxi“ oder „Sicherer Schulweg“ wollen sie Eltern und Kindern bewusste Wahrnehmung im Straßenverkehr nahebringen. So können die Kids lernen, Verkehrssituationen gut zu erkennen und zu beurteilen, die Straße gefahrlos zu überqueren und sich selbst als Verkehrsteilnehmer korrekt zu bewegen. Das bringt neben Sicherheit auch Erfolgserlebnisse und stärkt das Selbstbewusstsein. 

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