Rot-Grün-Sehschwäche und Farbenblindheit
Sehschwächen

Rot-Grün-Sehschwäche

Männer sind häufiger von einer Rot-Grün-Sehschwäche oder Farbenblindheitbetroffen | Quelle: © Vanessa Bumbeers / Unsplash.com
Experte Priv.-Doz. Dr. Wolfgang Wesemann Lesezeit Statistik

Schöne bunte Welt. Leider sieht nicht jeder von uns sie gleichermaßen farbenfroh. Menschen mit einer Rot-Grün-Sehschwäche fällt es schwer, zwischen beiden Farben zu unterscheiden. Für die meisten ist das jedoch kein Problem. Sie kennen die Welt ja nicht anders. Die Rot-Grün-Sehschwäche und Farbenblindheit sind angeboren und kommen bei Männern deutlich häufiger vor als bei Frauen.

Was ist eine Rot-Grün-Sehschwäche?

Die Rot-Grün-Sehschwäche ist eine Farbsinnstörung. Verantwortlich für das weniger bunte Treiben sind drei Photorezeptoren, die die Netzhaut unserer Augen für das Farbensehen nutzt. Die Rezeptoren reagieren auf unterschiedliche Wellenlängen: die sogenannten Rot-Zapfen besonders empfindlich auf langwelliges Licht, die Grün-Zapfen auf mittelwelliges Licht, die Blau-Zapfen auf kurzwelliges Licht. Ist die Empfindlichkeit entweder der Rot- oder der Grün-Zapfen gestört, liegt eine Rot-Grün-Sehschwäche vor. Betroffene sehen Rot oder Grün schlechter als Normalsichtige.

Wo liegen die Ursachen für eine Rot-Grün-Sehschwäche?

Sie ist genetisch bedingt, also angeboren. Die Ursache: Sehpigmente sorgen in den Rezeptoren dafür, dass diese auf das Licht mit bestimmten Wellenlängen anspringen – das Sehpigment der Rot-Zapfen auf langwelliges Licht, das der Grün-Zapfen auf Licht mittlerer Wellenlänge.

Ist das Gen für das jeweilige Sehpigment fehlerhaft, verändert sich die chemische Struktur des Pigments. Der Rezeptor reagiert weniger gut oder gar nicht mehr auf Licht. Die Folge: Das Gehirn kann bei der nachfolgenden Sehreizverarbeitung nicht mehr exakt ermitteln, welche Farbe ein Sehreiz hatte. Fällt ein Rezeptor aus, leidet in erster Linie das Farbunterscheidungsvermögen.

Farbfehlsichtigkeit kann im Laufe des Lebens beispielsweise aber auch durch Krankheiten oder die Einnahme von Medikamenten verursacht werden. Einige Betroffene entwickeln dann unter anderem eine Blau-Gelb-Störung.

Wie sehen Menschen mit einer Rot-Grün-Schwäche?

Je nachdem, wie hochgradig die Sehpigmente gestört sind, sehen Menschen mit einer leichten Rot-Grün-Schwäche beide Farben mit wenigen Einschränkungen, während andere Rot oder Grün gar nicht erkennen und die beiden Farben miteinander verwechseln. Manche wissen auch nicht, dass sie überhaupt eine Rot-Grün-Schwäche haben. Oft bringt erst ein Sehtest Klarheit.

Menschen mit einer Grün-Schwäche (Deuteranomalie) erkennen grüne Töne nur vermindert, die Farbe erscheint matt. Wer eine Rot-Schwäche (Protanomalie) hat, sieht Rot sehr viel dunkler.

Farbenblindheit Achromatopsie Rot-Gruen-Sehschwaeche Protanopie Normalsichtig Sicht mit Rot-Gruen-Sehschwaeche (Farbenblindheit, Achromatopsie, Protanopie) Sicht mit Rot-Gruen-Sehschwaeche
Farbenblindheit Achromatopsie Rot-Gruen-Sehschwaeche Protanopie Normalsichtig Sicht mit Rot-Gruen-Sehschwaeche (Farbenblindheit, Achromatopsie, Protanopie)

Bedienung: Bewegen Sie die Schieberegler hin und her um die beiden Seheindrücke miteinander zu vergleichen.

Warum haben deutlich mehr Männer eine Rot-Grün-Sehschwäche als Frauen?

Die Gene für die Sehpigmente der Rot- und Grün-Zapfen liegen auf dem X-Chromosom. Da Frauen bekanntlich zwei X-Chromosomen besitzen, kann ein normales X-Chromosom einen Fehler im zweiten Chromosom ausgleichen. Frauen entwickeln deshalb nur dann eine Rot-Grün-Schwäche, wenn beide X-Chromosomen ein fehlerhaftes Gen des Sehpigmentes aufweisen.

Männer haben hingegen nur ein X-Chromosom sowie ein Y-Chromosom. Auf dem Y-Chromosom befinden sich jedoch keine Gene für die beiden Sehpigmente und somit kein Ersatz für ein fehlerhaftes Gen des X-Chromosoms. Daher entwickeln 8 Prozent der Männer und nur 0,4 Prozent Frauen eine Rot-Grün-Schwäche. Die Grün-Schwäche ist dabei die häufigste Farbenfehlsichtigkeit.

Ca. 8 %
8 Prozent der Männer und nur 0,4 Prozent Frauen entwickeln eine Rot-Grün-Schwäche.

Was tun, wenn Kinder eine Rot-Grün-Sehschwäche haben?

Keine Sorge: Die Sehschwäche verschlimmert sich nicht und das Kind kann ein ganz normales Leben führen. Beginnt die Schule, sollten Eltern allerdings von der Farbenfehlsichtigkeit ihrer Sprösslinge wissen. Denn später sind bei der Berufswahl bestimmte Tätigkeiten wie Polizist oder Pilotin mit einer ausgeprägten Rot-Grün-Sehschwäche tabu.

Gibt es einen Sehtest für die Rot-Grün-Schwäche?

Eine Möglichkeit, die Rot-Grün-Schwäche zu bestimmen, sind die sogenannten Ishihara-Tafeln: Sie zeigen viele Kreise unterschiedlicher Größen und Farben. Normalsichtige können darauf Zahlen oder Figuren erkennen, da sie durch Kreise dargestellt werden, die sich durch ihren Farbton von den anderen Kreisen unterscheiden. Menschen mit einer Rot-Grün-Schwäche fällt das schwer. Sie lesen eine falsche Zahl. Darüber hinaus gibt es Tests, bei denen die Betroffenen farbige Plättchen oder Ähnliches nach Farben sortieren müssen.

Außerdem können Augenärzte mit Hilfe eines sogenannten Anomaloskops die Stärke einer Rot-Grün-Schwäche messen. Die Betroffenen müssen dabei die Farbe eines Testfeldes an die Farbe eines Vergleichsfeldes anpassen. Schummeln ist kaum möglich.

Was ist eine Rot-Grün-Blindheit?

Die Rot-Grün-Sehschwäche ist nicht zu verwechseln mit einer Rot-Grün-Blindheit, bei der rote und grüne Farbtöne überhaupt nicht mehr voneinander unterschieden werden können. Bei der Rot-, beziehungsweise der Grün-Blindheit fehlt jeweils eine Photorezeptorenart vollständig. In extrem seltenen Fällen mangelt es sowohl an Rot-, als auch an Grünrezeptoren – dann handelt es sich um eine echte Rot-Grün-Blindheit.

Welche Unterschiede gibt es zwischen der Farbenblindheit und der Rot-Grün-Blindheit?

Menschen mit einer vollständigen Farbenblindheit (Achromatopsie) sehen keinerlei Farben, da alle drei Farbrezeptoren in der Netzhaut nicht funktionieren. Sie nehmen die Welt mit den Augen nur über Hell-Dunkel-Kontraste wahr. Da die Hell-Dunkel-Rezeptoren (die Stäbchen) aber nur in der Dämmerung und in der Nacht gut sehen können, kommen weitere Einschränkungen wie etwa eine extrem erhöhte Blendungsempfindlichkeit und eine sehr schlechte Sehschärfe hinzu. Eine vollständige Farbenblindheit ist bei Männern und Frauen äußerst selten.

Bei der Rot-Grün-Blindheit ist lediglich die Unterscheidung von Rot und Grün beeinträchtigt. Blau- und Gelbtöne können Rot-Grün-Blinde hingegen gut ausmachen.

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Sind Farbsehschwäche und Farbenblindheit therapierbar?

Leider nein. Für die Betroffenen ist ihre Art zu sehen aber ohnehin normal, und sie sind oft nur gering eingeschränkt. Autofahren ist in der Regel auch kein Problem. Vorausgesetzt, die Farbfehlsichtigen sind darüber aufgeklärt. Menschen mit einer Rotstörung sehen beispielsweise rote Ampeln und die Bremslichter anderer Autos viel dunkler, erkennen sie schlecht und somit erst sehr spät. Bus, Bahn oder Taxi dürfen sie nicht lenken.

Bei einer milden Form der Rot-Grün-Sehschwäche versprechen spezielle Brillen und Kontaktlinsen mit Farbfilter Hilfe bei bestimmten Sehaufgaben. Heilen können sie die Sehschwäche aber nicht. Und auf Handys, Tabletts und Computerbildschirmen ist es möglich, in der Systemsteuerung Farben zu wählen, die bei einer Farbsehschwäche nicht so leicht verwechselt werden. Auch spezielle Apps helfen Menschen mit einer Rot-Grün-Schwäche, die Welt in den „richtigen Farben“ zu sehen.

Gibt es Hilfsmittel für Menschen mit Farbsinnstörungen?

Die gibt es. So ist es auf Handys, Tabletts und Computerbildschirmen möglich, in der Systemsteuerung Farben zu wählen, die nicht so leicht verwechselt werden. Bei einer milden Form der Rot-Grün-Sehschwäche versprechen ebenso spezielle Brillen und Kontaktlinsen mit Farbfiltern Hilfe bei bestimmten Sehaufgaben.

Auch spezielle Apps bringen Farbsinngestörten die Welt in den „richtigen Farben“ nahe. Und wer bislang Probleme hatte, Grafiken oder Fahrpläne richtig zu interpretieren, ist mit speziellen Designs gut bedient.

Farbfilter unter Windows 10

PC, Notebook und Tablets mit Windows 10 besitzen einen Farbfilter für eine Rot-, Grün- und Blauschwäche. Mit diesen Einstellungen wird die Farbwiedergabe am Monitor verändert. Die Betroffenen sehen nicht mehr die Farben, die sie bei der jeweiligen Farbsinnstörung verwechseln, sondern die, die einen besseren Farbkontrast aufweisen. So kann die persönliche Sehschwäche kompensiert werden. Der Pfad in der Systemsteuerung: „Einstellungen“, „Erleichterte Bedienung“, „Farbfilter verwenden“ (auf „Ein“ stellen), dann den gewünschten Filter auswählen.

Die Einstellung „hoher Kontrast“ eignet sich übrigens nur für Augenkranke mit schlechtem Kontrastsehen, nicht aber für Menschen mit Farbsinnstörungen.

Farbfinder per App

Ist der Apfel nun rot oder grün? Gut, wer auf dem Wochenmarkt dann sein Handy mit dem Farbwerkzeug Color Grab zücken kann. Die App ist im Google Play Store erhältlich und funktioniert so: Mit der Handy-Kamera wird der Apfel anvisiert. Die App erkennt die Farbe und spuckt Namen und technische Daten wie CYMK oder RGB aus. Die englische Version des Programms erscheint nach der Installation auch auf Deutsch.

Kontaktlinsen für Farbsinngestörte

Kontaktlinsen und Brillen können das Farbensehen nicht wiederherstellen, mit einigen Methoden lassen sich aber auf optischem Weg beispielsweise die Farbsinn-Prüftafeln austricksen. Das Prinzip: Die auf den Tafeln gezeigten roten Zahlen auf grünem Grund – beide in gleicher Helligkeit – sind für Farbsinngestörte nicht erkennbar. Legt man nun einen Farbfilter auf Grün, wird es dunkler und die roten Zahlen erscheinen heller und werden lesbar – Farbtest bestanden.

Diesen Effekt machen sich spezielle Kontaktlinsen zunutze, die nur auf einem Auge getragen werden. Ohne Linse sieht man mit dem einen Auge die Farben auf eine Art schlecht, mit Linse auf dem anderen Auge dieselben Farben auf eine andere Art schlecht. Durch abwechselndes Zusammenkneifen der Augen können jetzt, individuell verschieden gut, rote und grüne Äpfel auseinandergehalten werden.

Brillen für Farbsinngestörte

Im Internet kursieren immer wieder Brillen-Angebote wie die enchroma colorblind glasses. Diese Brillen beruhen im Wesentlichen darauf, dass sie bestimmte Farben (Wellenlängen) absorbieren und damit andere heller und deutlicher hervorstechen lassen. Dafür sehen die Nutzer die absorbierten Farben schlechter oder überhaupt nicht mehr. Weil die Gläser, ähnlich wie Sonnenbrillen, viel Licht schlucken, sind sie zum Autofahren im Dunkeln ungeeignet.

Unterm Strich sehen Farbsinngestörte mit diesen Brillen die Welt nicht bunter, sondern anders. Ein halbwegs normales Farbensehen können sie definitiv nicht herstellen.

Designs für bessere Erkennbarkeit

Der kleinteilige U-Bahn-Plan, das ellenlange Facebook-Formular, die farbenfrohe Balken-Grafik – Menschen mit einer Farbsehschwäche stolpern permanent über solche Hürden. Spezielle Designs bieten hier gute und einfache Lösungen.

Zwei Beispiele: Auf falsch ausgefüllte Zeilen in Formularen weisen oft rote Markierungen hin – für die Betroffenen kaum ersichtlich. Mit zusätzlich Fettschrift, Ausrufezeichen oder Rahmen haben sie weniger Probleme damit. Grafiken oder Fahrpläne werden dagegen besser lesbar, wenn sie beispielsweise mit Texten, unterschiedlichen Symbolen oder Mustern versehen werden.